15 Fragen an Paula Schramm
Geschrieben am | 10. 12. 08
Dieses Interview ist mehr, oder weniger der Testlauf für diese Reihe, eh sie nächstes Jahr richtig startet. Wenn sich also für euch noch Fragen ergeben, oder ihr noch andere Kommentare habt, dann meldet euch bitte in den Kommentaren.
Paula Schramm: Ich bin Chemikerin an der Universität Stuttgart und pormoviere dort.
Was ist das Erste, dass Sie machen wenn Sie morgens an ihren Arbeitsplatz gehen?
Das erste was ich mache, wenn ich morgens ins Labor gehe, ist dass ich meine Vakuumpumpe anschmeiße und die Kühlfallen meiner Anlage mit flüßigem Stickstoff befülle.
Was machen Sie da genau und wie heißt ihr Job?
Ich bin wissenschaftliche Mitarbeiterin. Das heißt, dass ich sowohl in Forschung und in Lehre eingespannt bin. Aus den Ergebnissen der Forschung möchte ich einmal meine Doktorarbeit zusammen schreiben.
Warum haben Sie einen chemischen Beruf ergriffen?
Chemische Forschung vereint intellektuelle Arbeit mit Handwerk, allerdings wusste ich das noch nicht als ich das Studium begonnen habe. Damals war ich einfach gut in Chemie und wollte etwas machen was ich gut kann. Da kann ich nur sagen: Glück gehabt.
Was nervt Sie am meisten an Ihrem Job?
Öffentliche Forschung krankt oft an Geldmangel der Institutionen wo sie passiert. Ausserdem ist der wissenschaftliche Betrieb nicht besonders effektiv organisiert. Das nervt.
Was ist das schönste an Ihrem Job, bzw. was machen Sie in Ihrem Job am liebsten?
Die Menschen! Ich freue mich über die netten und interessierten Studentinnen und Studenten. Den besonderen Kick gibt es natürlich wenn einer der Studis ein Licht auf geht während ich mit ihnen Arbeite. Etwas anderes das mir Freude macht ist es neue Dinge zu entdecken und erklären zu können warum sie entstanden sind. Ich bin neugierig und Chemie kann diese Neugier befriedigen.
Welche ist die wichtigste Eigenschaft die man für Ihren Beruf mitbringen muss?
Der Professor Becker im ersten Semester hat uns beigebracht: “Geduld ist die Tugend der Chemiker.” Da hat er auch vollkommen recht gehabt. Geduldig sein ist wirklich notwendig.
Verändert die Herangehensweise an chemische Probleme auch die Herangehensweise an andere Problemstellungen, wie zum Beispiel gesellschaftliche, oder politische Fragen?
Wissenschaftlerin zu sein verändert meine Herangehensweise an Probleme durchaus. Ich versuche nach der wissenschaftlichen Methode vorzugehen und bedacht alle Aspekte zu berücksichtigen. Das stößt zunächst oft auf Unverständniss, ist im Endeffekt aber meist die sinnvollere Methode.
Was ist für Sie die interessanteste chemische Reaktion bzw. was ist für Sie die interessanteste Verbindung? Was macht diese so interessant?
Das ist eine schwierige Frage. Am liebsten habe ich natürlich Wasser, weil ohne Wasser gäbe es die Welt wie wir sie kennen nicht. Am interessanteseten ist für mich im Moment das 1,2,4-Diazaphosphol, weil meine Doktorarbeit sich rund um dieses Molekül dreht. Es kann viele tolle Sachen, aber die verate ich hier nicht.
Welche Bedeutung hat Chemie für unsere Wirtschaft?
Eine zentrale! Das mag zwar seltsam klingen weil in der Presse nur von Rettungspaketen für die Automobil-Industrie zu lesen ist, aber ohne Chemie läuft nix. Es gibt sehr wenige Produkte die nicht irgendwie mit einem Produkt aus der chemischen Industrie in Kontakt kommen und sei es nur die Verpackung. Sichtbar ist das oft nicht, weil die chemische Industrie vor allem anderen Herstellern zu liefert und nicht direkt ihre Produkte verkauft. Einzige ausnahme ist hier die Pharmabranche.
Welches ist Ihr Lieblings Forschungsgebiet in der Chemie?
Neben meinem eigenen Bereich lese ich gerne Dinge aus der Materialforschung, von Solarzellen über OLEDs bis hin zu tollen festen Katalysatoren.
Ist Chemie ein Fluch, oder ein Segen für die Menschheit?
Lass mich die Frage andersrum stellen: Ist die Menschheit ein Fluch, oder ein Segen für die Chemie? ;)
Chemie ist an sich erstmal neutral. Leider haben die Menschen schon viel Leid mit ihren chemischen Entdeckungen verursacht. Andererseits haben sie mit Chemie auch schon vieles besser gemacht und viele der Fehler wieder ausgebügelt, oder überhaupt erstmal erkannt.
Wie wichtig ist Idealismus und/ oder moralische Verantwortung bei einem Chemiker?
Mir ist das sehr wichtig, allerdings unabhängig von meiner Rolle als Chemikerin. Beigebracht wird uns das nicht, leider. Es gab schon viele Entwicklungen die moralisch nicht vertretbar waren. Allerdings glaube ich nicht, das Chemikerinnen und Chemiker mehr moralische Verantwortung tragen als alle anderen Menschen.
Wie können Chemikerinnen und Chemiker zur Weltverbesserung beitragen?
Sie können nicht nur, sie tun. Z.B. indem sie Wege finden CO2 wieder zu speichern um so den Klimawandel vorzubeugen. Oder sie entwickeln Medikamente gegen die großen Plagen der Menschheit. Oder sie schreiben ein Chemieblog, dmit immer mehr Menschen verstehen wie Chemie funktioniert ;)
Kann man naturwissenschaftliche Rationalität und Religion verbinden?
Bestimmt! Irgendwie ;)
Zum Schluss noch eine persönliche Frage, wenn Sie nicht in der Chemie tätig wären, was würden sie dann für einen Beruf wählen?
Dann wäre ich entweder Lehrerin, Psychologin, oder am liebsten Künstlerin.
Schlagworte | chemikerinnen, Interview, Paula Schramm
Rezension: Mendelejews Traum
Geschrieben am | 10. 11. 08
Dimitri Iwanowitsch Mendelejew, geboren 1834, wird gemeinhin als entdecker des Periodensystems angesehen. Laut Legende hat er eines Tages an seinem Schreibtisch geschlafen, nachdem er sich mal wieder mit einer umfassenden Sortierung der bis dahin bekannten Elemente auseinandergesetzt hat. Im Traum, so heißt es, hat er dann das Periodensystem erkannt und es nach dem erwachen schnell aufgeschrieben, ehe er auf Reisen ging.Natürlich ist seine Entdeckung nicht in einem Vakuum entstanden sondern war vielmehr die logische Konsequenz der Entwicklung der Chemie in den letzten Jahrzehnten und Jahrhunderten. So beginnt das Buch “Mendelejews Traum” auch damit die Geschichte der Chemie von ihren Anfängen bei den Naturphilosophen Griechenlands, über dei Alchemisten, bis zur Wissenschaft nachzuzeichnen. Teilweise verschmitzt und einfühlsam wird so ein Gefühl für den immensen Anstrengungen vermittelt die frühe ChemikerInnen machten um Einblicke in die Welt zu erhalten.
Im Zweiten Teil des Buches wird Mendelejews Leben dargestellt, seine Herkunft und die Muße die er, trotz Krankheit, hatte um zu forschen. Auch sein immerwährender Konflikt mit dem deutschen Chemiker Lothar Meyer, der ebenfalls behauptete das Periodensystem entdeckt zu haben. In seinem Werk “Die Grundlagen der Chemie”, das in etlichen Revisionen erschien, lies er keinen Zweifel daran, dass er der Entdecker des Periodensystems sei.
Die bis dahin bekannten Elemente zu ordnen, war sicher eine große Leistung, jedoch ist das bemerkenswerteste am Periodischen System der Elemente wie es Mendelejew damals veröffentlichte, dass es Leerstellen für bis dahin unbekannte Elemente hatte und deren Eigenschaften sehr genau vorhersagte. Mit dem Werkzeug des Periodensystems wie es Mendelejew entwickelte konnten diese Lücken auch alsbald geschloßen werden.
Nicht nur ist die Geschichte spannend, sie wird auch spannend erzählt. Somit kann ich das Buch nur empfehlen. Es eignet sich auch als Geschenk an wissenschaftsaffine Menschen in eurer Familie.
Schlagworte | Buch, Mendelejew, Rezension
Clara Immerwahr
Geschrieben am | 6. 10. 08
1901 heiratet Clara Immerwahr nach langen Jahren des Wiederstands Fritz Haber der ebenfalls Chemiker ist. Nach den Giftgasangriffen auf Ypern 1915 bringt sie sich mit Habers Dienstwaffe um.
Durch Erschießen ihrem Leben ein Ende gesetzt hat die Gattin des Geheimen Regierungsrates Dr. H. in Dahlem, der zur Zeit im Felde steht. Die Gründe zur Tat der unglücklichen Frau sind unbekannt.
steht in der Grunewald-Zeitung
Wie es dazu kam ist eine sehr spannende Geschichte, deren Gründe tief in den damaligen gesellschaftlichen Verhältnissen verwurzelt sind.
Clara wurde am 21. Juni 1870 in Breslau geboren, wo ihr Vater als Industriechemiker arbeitete. Sie ging im Winter auf eine Mädchenschule und wurde im Sommer auf dem Gut ihres Vaters von Hauslehrern unterrichtet. Sie war eine eifrige Lernerin und wollte nach ihrem Abschluss an der Höheren Mädchenschule studieren. Dies ging allerdings erst als sie ein Abitur hatte. Etwas das damals fast unmöglich war. Das Recht hat sie sich mit Hilfe anderer Frauen in ähnlichen Situationen und ihrer Eltern erstritten.
Zu der Zeit war es auch noch nicht üblich, dass Frauen studierten. Selbst eine Zulassung als Gasthörerin war schwer zu erstreiten. Zu Claras Glück erkannten einige Professoren welche Stunde geschlagen hatte und ermöglichten ihr nicht nur den Abschluss eines Studiums sondern auch eine Promotion, die sie kurz vor Weihnachten 1900 mit Auszeichnung bestand. Die Arbeit beschäftigte sich mit dem Thema Löslichkeit von schwerlöslichen Salzen.
Nachdem sie sich in ihrer Jugend in einer Tanzstunde in Fritz Haber verliebte warb nun er während ihres mühseligen Weges zur Promotion kontiuierlich um sie. 1901 willigte sie ein, jedoch ohne sich bewusst zu sein, dass sie von nun an die freundliche Professorenfrau spielen sollte. Für sie war die Ehe mit einem Wissenschaftler damals die einzig tragbare Möglichkeit weiter zu forschen. Bis zu der Geburt ihres Sohnes tat sie das im Labor ihres Mannes. Dieser zwang sie jedoch während der Schwangerschaft und dannach zuhause zu bleiben. Die ganze Familie litt unter gesundheitlichen Problemen.
Clara langweilte sich in eine tiefe Depression. Bis zum Krieg forscht Haber an der Ammoniaksynthese für die er 1918 den Nobelpreis zuerkannt bekommt. Als jedoch der Stellungskrieg und damit die Materialschlacht die für den Ersten Weltkrieg so typisch ist beginnt, nimmt er die Forschung an Chlor als Giftgas auf. Chlorgas reagiert mit Wasser zu einigen Ätzenden Stoffen. Wasser ist z.B. in der Lunge der Soldaten, welche dann an verätzten Lungen elendig starb. Wenn der Wind schlecht stand starben auch seine eigenen Soldaten. Gegen diesen unmenschlichen Einsatz von Forschungsergebnissen setzte sich Clara zur Wehr, sie protestierte öffentlich gegen ihren Mann. Als dieser nach einem besonders “erfolgreichen” Einsatz des Chlorgases befördert wurde und daheim eine Feier veranstaltete, beschloss Clara die letzte Konsequenz zu ziehen. Aus Protest gegen das Monster mit dem sie nun verheiratet war erschoss sie sich mit seiner Dienstwaffe.
Clara Immerwahr war eine ausgesprochene friedliche Frauenrechtlerin. Durch ihren Einsatz und den vieler anderer Frauen ist es heute möglich als Frau fast selbstverständlich Chemie zu studieren und darin zu promovieren. Ihr humanistisches Wesen wird heute mit der Clara Immerwahr Medaille geehrt, welche für den Einsatz gegen Rüstung und Krieg verliehen wird.
In dem Sachbuch “Der Fall Clara Immerwahr” wird die Biographie Immerwahrs aufgearbeitet, während “Immerwahr” ein historischer Roman ist, der die Biographie verarbeitet.
Schlagworte | Clara Immerwahr, Fritz Haber



