Dr. Emmas Chemielabor

Chemie verständlich erklärt.

Chemie ist ungleich Chemikalien

Geschrieben am | 3. 12. 09

mit cc-Lizenz von Skycaptaintwo

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Auf Twitter schrieb eben Argent 23

Ein Beitrag zu Hausmitteln in SWR3 – weil “es ja nicht immer Chemie sein muss” *facepalm*

Alexander Knoll der hinter dem Twitternamen steckt ist wie ich Doktorand, allerdings in der Molekular Biologie.

Etwas mit dem viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler kämpfen, ist das Fachbegriffe, die meist eine sehr präzise und spezifische Bedeutung haben, umgangssprachlich anders verwendet werden als es ihrer Bedeutung entspricht. Ein Beispiel dafür ist der Quantensprung. Ein Quant einer Sache ist ihre kleinste unteilbare Einheit. Ein Quant Menschen ist ein Mensch. Der Absorption von Licht haben wir nun das Phänomen, dass nur bestimmte Wellenlängen Licht, also Lichtfarben, von einem bestimmten Molekül absorbiert werden können. Das liegt daran, dass die Elektronen angeregt werden und in ein höheres Energieniveau springen. Lichtfarben kann man sich als ein Lichtteilchen vorstellen, dass ein Energiepaket auf dem Rücken trägt. Die Absorption von Licht kann sich so vorstellen, dass die Elektronen eine Energieleiter hoch klettern wollen und das aber nur dann können wenn sie von den Lichtteilchen genug Energie bekommen. Bringt ein Photon, ein Lichtteilchen also, nicht genug Energie mit, kann das Elektron die nächste Stufe der Leiter nicht erklimmen und lässt das Lichtteilchen mit seinem Energiepaket weiterfliegen. Das Klettern auf der Leiter nennt die Physikerin einen Quantensprung und er ist etwas sehr kleines. Umgangssprachlich ist ein Quantensprung jedoch eine große Errungenschaft, oder ein großer Schritt vorwärts. Ich finde das immer wieder lustig.

Was ich nicht so lustig finde ist, wenn synthetische, industriell hergestellte Chemikalien als Chemie bezeichnet werden. Genau das ist nämlich gemeint, wenn man im SWR von Chemie in Haushaltsreinigern redet. Dabei macht das durchaus einen Unterschied. Chemie ist die Wissenschaft die stoffliche Veränderungen beschreibt. Das kann auch die Wirkung von Haushaltsreinigern auf Haushaltschmutz sein. Entgegen der Suggestion des SWR kann Chemie aber auch natürlich ablaufende Prozesse und Prozesse in denen natürliche Stoffe verwendet werden beschreiben, wie das reinigen mit Essig und Backpulver, statt industriell hergestellten Tensiden. Das Reinigen mit natürlichen Reinigungsmitteln ist also auch angewandte Chemie.

Ich finde das deshalb schlimm, weil so eine Angst vor Chemie geschürt wird, die wiederum die Angst vor dem Fach und dem Wissen um Chemie schürt. Ich glaube, dass viel der Ablehnung die Chemie als Fach in der Schule erfährt darauf zurückzuführen ist, dass synthetische Chemikalien abgelehnt werden. Das wiederum finde ich ok. Ich versuche den Kontakt mit gefährlichen Substanzen, ausserhalb des Labores, auch zu minimieren, z.B. vertraue ich auch auf Essig und Backpulver als Reinigungsmittel, allerdings setze ich natürlich nicht gleich mit ungefährlich und synthetisch nicht gleich mit gefährlich. Das liebe Leser möchte ich euch auch anraten, denn das in Stechapfel Atropin hat selten jemandem gut getan, wohingegen Silikonöle schon vieles einfacher gemacht haben.


Comments

4 Reaktionen auf “Chemie ist ungleich Chemikalien”

  1. Nio
    am 9. 12. 09 um 11:9

    Ich habe mich schon immer für Chemie begeistern können, weil ich fand, dass ich klasse Lehrer hatte. Wie ich aber in letzter Zeit herausgefunden habe, bin ich so ziemlich der einzige Mensch in meiner näheren (privaten) Umgebung mit dieser Überzeugung. O_____O Denn Chemie ist böse. Echt mal.

    Es ist ja schon mal komisch, dass die Leute (Verallgemeinerungen sind schlecht, aber der Anteil ist so groß :> ) keine Ahnung von Chemie haben. Ist womöglich das Bildungssystem schuld? Neulich stellte mir meine Tante aber die Frage: “Sag mal, dieses Chlorid, das auf der Mineralwasserflasche steht, das ist doch dasselbe, was bei einem Abflussreiniger entsteht.”

    *hust*

    “Nein. Nein, Tante. Nein.”
    Ergo, nein, das Bildungssystem kann nicht schuld sein. Denn der Unterschied von Chlor und Chloriden wird uns hinlänglich beigebracht. Ich hege also die Vermutung, dass die Leute keine Ahnung von Chemie haben WOLLEN.

    So wie sie synthetische Stoffe konsequent als bösartig empfinden wollen. Und Natur als gut. Obwohl ich noch niemandem begegnet bin, der eine Tablette eines gewissen Salicylsäureesters verweigert hat um den Kopfschmerz lieber mit seinen natürlichen Abwehrkräften durchzustehen (:D). Oder sich einzuparfümieren. Oder sich die Hände mit Flüssigseife zu waschen.

    Langer Rede, kurzer Sinn: Was haben die Leute damit, einen ganzen Wissenschaftsbereich zu diffamieren? Physik verstehen viele doch auch nicht, aber deswegen meiden sie ja nicht gleich Autos und Handys und Heizungen.

    Grüße

    PS: Meine Tante ist übrigens eine durchaus intelligente Frau, ich konnte ihr Chemiewissen so weit auffrischen, dass sie nun wieder weiß, dass Chlor und Chlorid unterschiedlicher nicht reagieren könnten. ;) Etappensieg!

  2. Paula
    am 10. 12. 09 um 14:10

    Die Geschichte kommt mir bekannt vor ;)

    Es gibt Wissenschaftshistoriker die sich mit dem Wandel der Meinung zu Chemie befassen, die können das ganze besser erklären. Hat wohl aber viel damit zu tun, dass die chemische Industrie in den 60er ganze Flusslandschaften zerstört hat.

    Salicylsäureesther ist in dem Fall ein schlechtes Beispiel, da er natürlich in Weidenrinde vorkommt, was auch das alt hergebrachte Mittel zur Schmerzlinderung ist.xD nur so als Spitzfindigkeit am Rande.

    Generell halte ich nicht viel davon einzelnen Schuld daran zu geben, dass sie etwas nicht verstehen. Dinge, wie Chemie ablehnen, passieren nicht in einem gesellschaftlichen Vakuum. Meist gibt es Gründe die ausserhalb des einzelnen liegen. Ich denke zum Beispiel, dass die Art wie Chemie vermittelt wird nicht besonders dazu beiträgt das Chemie verstanden oder gemocht wird.

    Deshalb habe ich hier dieses Blog gestartet. Das mit dem Chlor und Chlorid ist übrigens wieder eine wunderbare Frage. Danke. Falls du Lust hast die Erklärung die du deiner Tante gegeben hast hier noch einmal zu wiederholen, dann kannst du das gerne machen.

  3. Gaston
    am 9. 01. 12 um 10:9

    Also dass Atropin selten jemandem gut getan hätte solltest Du keinem Notfall- oder Intensivmediziner erzählen…

  4. Paula
    am 9. 01. 12 um 11:9

    Ich werde mich hüten. Und noch mal ein bisschen nachlesen…

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